Dienstag, 23. Juli 2013

Anti-Diagnose

Da lese ich doch gerade - während meiner neu gewonnenen Freizeit - eine ältere Ausgabe der Brigitte (Nr. 9) und stoße auf  "Wenn plötzlich alles dunkel wird".

Auf der ersten Seite des Dossiers wird meine Aufmerksamkeit auf diesen gelben Kasten gelenkt.


Soso.
Ja, ich zweifle an mir selbst. Ja, ich grübel endlos. Natürlich habe ich Schuldgefühle. Dauernd Angst ohnehin und auch Kopf- und Rückenschmerzen gehören zu mir. Gehetzt und unruhig bin ich immer und ständig.

Ich bin also depressiv?

Nö!
Und damit klappte ich die ganze Zeitschrift gleich wieder zu. Mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Ich lasse mich nicht mehr diagnostizieren. Ich bin keine Einschätzung. Ich bin einfach ich. Und alles, was dort als Symptom bezeichnet wird, bin ich. Seit eh und je. Und das bleibe ich auch.

Eine enorme Selbsterkennung und Horizonterweiterung.

Grund dafür ist u. a. der letzte Besuch bei meiner Seelenputzfrau. Dort las ich vorab einen netten Artikel über eine 14-jährige Studie zum Erkennen psychischer Erkrankungen.

Grober Inhalt:

  • Zu schnell erfolgt die Diagnose einer psychischen Erkrankung.
  • Psychische Labilität und daraus resultierende Einschränkungen sind über Zeiten hinweg völlig normal (bspw. bei einem Todesfall, Jobverlust, Trennung etc.).
  • Man darf auch einfach mal so durch Stress und Überanstrengung in ein Loch fallen und braucht sich nicht mit "burn out" zu betiteln.
  • Jeder Mensch ist individuell - somit ist auch das Gefühlsleben und -empfinden ein völlig eigenes. Bestimmte Verhaltensweisen und -strukturen bilden die ganz eigene Persönlichkeit und sind nicht (zwingend) auffällig und behandlungsbedürftig. 
  • Psychopharmaka sind keine Retter. Nur in etwa 5 % aller (!) Fälle sind sie tatsächlich notwendig.
Ist doch ganz motivierend, oder? Für mich in jedem Fall.

Ich mach' jetzt weiter Sommer - ohne die Brigitte.




Kommentare:

  1. Sehr gut! :-) Das klingt nach Urlaub mit Tiefenentspannung! Have a nice time.

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  2. sehr schön geschrieben! Wenn man sich die Symptome von so manchen Krankheiten durchliest - dann hab ich eine ganz Menge - zumindest gelegentlich. Und von Medikamenten halte ich auch nicht sehr viel. Genieß den Sommer!
    Liebe Grüße! Sonja

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    1. Danke liebe Sonja!
      Ja, wenn wir uns alle diagnostizieren würden, wäre die Pharmaindustrie im Engpass, was die Medikamentenherstellung betrifft. ;) Man muss also immer genauer hinschauen.
      Sei gegrüßt :)

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  3. Du sprichst mir aus der Seele!!!!
    Nicht jedes seelische Tief ist eine Depression.

    Nicht jedes agile Kind braucht eine Verhaltenstherapie und/oder Ritalin damit es runter kommt.

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    1. Hallo Symeria! :)
      Genauso ist das. Wir sind ja keine Maschinen, die alle gleich und ständig einwandfrei funktionieren. Und Gefühle können nunmal auch unangenehm sein - trotzdem sind sie völlig normal. Ich hab' lange gebraucht, das zu verstehen.
      Bei Kindern wird es ja noch verrückter. Die Meisten seien doch hyperaktiv. Pff! Es sind Kinder. Mit unterschiedlichen Charakteren. Die Wenigsten sind tatsächlich "krank" und behandlungsbedürftig. Schade, dass trotzdem viele Kiddies Medikamente bekommen...

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Ich freue mich über jedes Wort.